Interview mit Florian Curth aus unserer Freundeskreis-Fanclubzeitung 02/2007 von Patrick Staar:

Florian Curth: Der Zerstörer wird zum Torjäger

Florian „Udo“ Curth galt immer als Zerstörer, Unterzahl-Spezialist und Vorbereiter. Doch in dieser Spielzeit vollzog er eine erstaunliche Wandlung hin zum Torjäger. Mit elf Treffern ist er derzeit der sechstbeste Torschütze seines Teams. Der Fanclub sprach mit ihm über seine wechselvolle Karriere und die neu entdeckten Fähigkeiten vor dem gegnerischen Tor.

Wie kommst Du zu Deinem Spitznamen ,Udo‘?
Florian Curth: „Mein Vater heißt Udo. Mein Bruder Christian wurde schon in jungen Jahren ebenfalls „Udo” genannt. Ich war immer der „kleine Udo”. Seit der Christian mit dem Eishockeyspielen aufgehört hat, bin ich nur noch ,der Udo‘ ­ obwohl ich immer noch klein bin.” (lacht)

Zu Beginn der 90er Jahre hat der Deutsche Eishockey-Bund eine Scoutingliste erstellen lassen. Du wurdest als der beste Spieler Deines Jahrgangs eingestuft. Hättest Du gedacht, dass Deine Laufbahn so verläuft, wie sie verlaufen ist?
Curth: „Nein. Das erste Jahr war recht gut. Ich war mal drei Tage lang bei Hans Zach in Düsseldorf und habe ein bisserl was gezeigt. Doch dann hatte ich ein paar Verletzungen, und Paul Sommer kam als Trainer nach Tölz. Der wollte mich drücken. Ich hätte damals aber nicht Druck, sondern Unterstützung benötigt. Danach habe zwei oder drei Jahre verschlafen. Es kam das Bosman-Urteil hinzu. Deutschland ist von ausländischen Sportlern überschwemmt worden. Es wurde sehr schwer, sich durchzusetzen. Also bin ich für fünf Jahre nach Regensburg gegangen. Das war eine super Zeit.”


War der Karriereknick auch selbst verschuldet?
Curth: „Mei, auf dem Eis war ich immer ehrgeizig, aber vielleicht hätte ich noch mehr trainieren müssen. Gerade das versuche ich jetzt unseren jungen Spielern mit auf den Weg zu geben. Sie müssen im Sommer gescheit trainieren. Das ist wichtig, da kann man viel wettmachen. Du brauchst natürlich auch einen Trainer, der die jungen Spieler einsetzt. So wie es der Axel heute macht ­ das gab es früher nicht. Früher gab es ein, zwei junge Spieler, und die sind immer hinten angestanden. Es war einfach eine blöde Zeit, aber es kann auch nicht bei jedem mit der 1. Bundesliga klappen.”

In Tölz hast Du Dir mit der legendären Strip-Einlage auf dem Eis in der Saison 1993/94 ein Denkmal gesetzt. Wie denkst Du heute darüber?
Curth (lacht): „Ich habe gar nicht mehr drangedacht, aber als ich die Eisclub-Chronik gelesen habe, sind die Erinnerungen wieder wach geworden. Das war eine ganz spontane Aktion. Ich finde es immer noch ganz witzig. Eigentlich hat damals nur noch gefehlt, dass der Dino die passende Musik über Lautsprecher einspielt. Nach diesem Spiel hat mich Paul Sommer übrigens zum ersten Mal in dieser Saison gelobt.”

Für den Strip oder Deine Leistung im Spiel?
Curth:
„Für den Strip. So viel zu diesem Thema. Jeder Trainer will das Beste aus den Spielern herauskitzeln. Er hat es mit Druck probiert, und das hat bei mir nicht funktioniert. Ich war in einem Alter, in dem ich etwas ausbrechen wollte. Hätte ich mich untergeordnet und wäre ich mehr auf ihn eingegangen, wäre es vielleicht in Ordnung gewesen. Aber das war halt schwierig.”

Manche Leute sagen über Dich: Wenn man die Türe in der Bandenecke aufmacht, dann würdest Du das gar nicht merken und außerhalb der Eisfläche weiterkreiseln. Ist da ein Körnchen Wahrheit dran?
Curth (lacht): „Also so wie in der Werbung, in der die Fußballer außerhalb des Stadions weiterspielen? Mei, das hat sich bei mir so eingeschlichen. Ich muss schon zugeben, dass bei mir immer der Druck zum Tor gefehlt hat. Der Axel hat lange genug versucht, mir das mitzuteilen. Ich war nie der Torjäger, sondern immer der Vorbereiter. Ich habe oft gepasst statt geschossen, und das ist manchmal ein Fehler. Unser früherer Trainer Sascha Barinew hat schon immer gesagt: ,Schlechter Schuss aufs Tor ist besser als guter Pass zum Gegner.‘ Das stimmt. In unserer Sturmreihe läuft es momentan gut, wir versuchen mehr Druck zu entwickeln.”

Du hast inzwischen schon elf Tore geschossen, so viele wie in den letzten drei Jahren zusammengerechnet. Was ist der Grund dafür, dass Du zum Torjäger wirst?
Curth: „Das ist Sport. Ich spiele auch nicht anders als in den Jahren davor. Man darf nicht vergessen, dass wir jetzt in der Oberliga spielen. Ich habe mehr Einsätze. Der Axel bringt gerade die dritte Reihe ziemlich oft. Ich habe auch das nötige Glück. Wenn es läuft, dann läuft‘s. Ich rede gar nicht gerne darüber, denn das Glück kann ganz schnell wieder weg sein. Außerdem spielt gerade der Christian Urban eine überragende Saison. Auch der Michael Baindl und die Verteidiger arbeiten für die Tore. Früher habe ich für andere gearbeitet, damit sie Tore schießen. Das übersieht man gerne.”

Wie groß ist der Unterschied zwischen 2. Bundesliga und Oberliga?
Curth: „Ich war überrascht, wie schnell die Oberliga geworden ist. Vor allem körperlich gibt es aber einen Unterschied, weil in der 2. Bundesliga nur Profimannschaften spielen. Wenn Du Leute hast, die tagsüber arbeiten, abends trainieren und am freien Wochenende spielen müssen, dann geht denen irgendwann die Kraft aus. Die Oberliga ist super, um die Jungen anzulernen. Da kommen sie oft dran. Die zweite Bundesliga ist schon ein Schritt mehr.”

Wo würde der ECT mit dieser Mannschaft in der 2. Bundesliga stehen?
Curth: „Schwer zu sagen. Oben jedenfalls nicht, mit nur drei Ausländern.”
Auf der Torwartposition ist der Qualitätsunterschied auch deutlich erkennbar. Wenn man an die harmlosen Schüsse von der blauen Linie gegen Klostersee oder Peiting denkt, die irgendwie reingetrudelt sind...

Curth: „Schüsse sehen oft unmöglich aus, sind aber schwer zu halten. Aber klar ist: Es waren schon Torwartfehler dabei. Auch die Qualität der Torhüter ist in der 2. Bundesliga etwas höher.”

Bist Du ein Eishockey-Profi geworden?
Curth: „Nein ich absolviere momentan ein Praktikum zum Rettungsassistenten beim Roten Kreuz. Das mache ich ehrenamtlich, damit ich trainieren und spielen kann. Es macht riesig Spaß. Dass es jetzt läuft, liegt wohl auch daran, dass ich jetzt den Kopf frei habe. Da gibt es lauter nette Leute, die mich unterstützen. Da spielt es sich leicht Eishockey.”

Deine Zukunft siehst Du eher beim Eishockey oder Roten Kreuz?
Curth: „Mit dem Eishockey ist irgendwann Schluss. Ich mache bis September mein Praktikum, und dann muss sich schauen. Beides lässt sich wahrscheinlich nicht verbinden. Vor allem wenn man Schichtdienst hat, wird‘s schwierig. Ich habe mit meinem Chef schon darüber gesprochen. Alles steht in den Sternen. Wenn sie mir einen Job beim Roten Kreuz anbieten würden, dann müsste ich wohl mit dem Eishockeyspielen aufhören, denn das ist wie ein Sechser im Lotto. Jede Stelle ist Gold wert.”

Ein Posten als Trainer würde Dich nicht reizen, zum Beispiel im Nachwuchs-Bereich?
Curth: „Da habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Ich habe auch keinen Trainerschein. Ich arbeite gerne mit unseren jungen Spielern, aber das sind ja schon fast Erwachsene. Das ist alles Zukunftsmusik.”

Am Ende der Saison werdet Ihr je nach Saisonverlauf 62 bis 73 Spiele absolviert haben. Macht da das Eishockeyspielen noch Spaß?
Curth: „Die letzten drei Jahre waren teilweise ein Graus, weil wir schon so früh abgeschlagen waren. Ab November haben wir nur noch um die goldene Ananas gespielt. Man hat sich nur noch Abstiegsrunde gefreut, damit es endlich wieder um was geht. Schlimm. Wir haben immer gerackert, die Zuschauer haben das honoriert. Aber wenn Du ständig verlierst, gegen Gegner die viel besser sind ­ das ist bitter. Ich bin daher froh, dass wir abgestiegen sind. In jeder Krise steckt eine Chance. Für unsere Mannschaft war‘s vielleicht ein guter Zeitpunkt. Wir können oben mitspielen, steigen vielleicht mit frischem Wind auf. Das täte dem Verein gut.”

Ist Tölz Deiner Meinung nach generell in der Oberliga besser aufgehoben?
Curth: „Das kann man so nicht sagen. Das Allerbeste wäre eine Hacker-Pschorr-Liga sowie früher mit vielen bayerischen Vereinen. Für die jungen Spieler ist die 2. Bundesliga ein gute Liga.”

Andererseits: Wenn man die Statistik der vergangenen Saison durchblättert fällt auf, dass keiner der jungen Spieler in der 2. Bundesliga mehr als drei Tore geschossen hat.
Curth: „In der dritten Reihe schaust Du vor allem, dass Du kein Tor kassiert. Da bekommt man in jedem Spiel vielleicht eine gute Torchance. Die muss man erst mal reinmachen. Dann wird man verbissen, und die Scheibe geht erst recht nicht ins Tor.”

Ist die Oberliga also die bessere Ausbildungsliga?
Curth: „Für Nachwuchsspieler wie Adrian Albanese, Michael Endraß, Michael Pfaff und Florian Kirschbauer ist die Oberliga im ersten Jahr im Seniorenbereich gut, weil sie viele Einsätze haben. In der 2. Bundesliga hätten sie wohl größere Probleme, sich durchzusetzen. Andererseits: Für einen Spieler wie Korbinian Holzer war die 2. Bundesliga die ideale Liga. Der hat sich durchgebissen, spielt bei Regensburg, einem sehr guten Club in der 2. Bundesliga. Die nächste Station ist die DEL ­ und wer weiß, was anschließend kommt? Aber er ist Verteidiger, und Verteidiger haben mehr Einsätze.”


Könnten die jungen Tölzer Spieler in zwei Jahren in der 2. Bundesliga mithalten?
Curth: „Mit Sicherheit. Die werden jedes Jahr besser. Sie wollen ja schließlich nicht ihr Leben lang in der Oberliga spielen. Ein Aufstieg wäre jetzt, glaube ich, nicht schlecht. ”

Dein Tipp: Wo landet Tölz am Saisonende?
Curth: „Wir müssen versuchen, dass wir nach der Vorrunde Platz zwei erreichen, damit wir im Halbfinale öfter Heimrecht haben. Aber ich denke jetzt schon wieder zu weit. Wir müssen erst mal den ersten Schritt gehen. Wenn wir in der ersten Runde gegen Hannover oder Ravensburg spielen, wird das ein harter Kampf. Die wurden beide vor der Saison als Titelfavoriten gehandelt, und das nicht zu Unrecht. Wenn wir auf die Freiburger treffen, die uns ganz gut liegen, dann könnten wir vielleicht durchmarschieren und uns gut auf den Halbfinal-Gegner vorbereiten. Der wird mit Sicherheit Heilbronn heißen.”

Psycho-Schaukel:

Computer ­ Spiele ich gerne

Regensburg ­ Super Jahre, Riesen-Stadt, Riesen-Fans

Busfahrten ­ In Ordnung, wenn man ein gutes Buch dabei hat. Mit unserem Busfahrer Michä ein Traum.

Familie ­ Ich bin verheiratet, Zukunftsmusik, was noch kommt.

Hobbys ­ Sport, vor allem Mountainbiken und Isarbretteln, also Wellenreiten auf der Isar.

Montagmorgen - Muss ich um halb Sechs aufstehen. Ziemlich anstrengend.

Fans ­ überragend. Danke für die Unterstützung vor allem in der letzten Saison, und dieses Jahr auch. Es könnten mehr sein, aber wir können uns nicht beschweren.

Damen-Eishockey ­ Wenn‘s ihnen Spaß macht. Ist ja ein schöner Sport.

Renato ­ Bester Eismeister der Welt

Schiedsrichter ­ Durchwachsen, manchmal bin ich positiv überrascht. Ein paar haben‘s drauf.

Florian Curth:

Geburtsort: Bad Tölz

Geburtstag: 31. Januar 1975

Größe: 1,75 Meter

Gewicht: 69 kg

Trikotnummer: 46

Position: Stürmer:

Bisherige Vereine im Seniorenbereich:

1992 – 1997: EC Bad Tölz

1995/96: Hannover Turtles

1997 – 2002: EV Regensburg

2002/03: TuS Geretsried

ab 2003: EC Bad Tölz

Bilanz für den EC Bad Tölz:

9 Saisonen, 327 Punktspiele, 40 Tore, 71 Vorlagen, 111 Scorerpunkte, 405 Strafminuten